Wenn zwei Personen widersprüchliche Aussagen mit behauptender Kraft äußern, dann liegt ein Dissens vor. Im Alltag wird oft versucht, Dissense durch vernünftiges Argumentieren zu überwinden. Unabhängig vom guten Willen der beteiligten Akteure, oder dem Themengebiet laufen solche Bemühungen jedoch oftmals ins Leere, etwa wenn Diskussionen abgebrochen werden, bevor ein Ergebnis erzielt wurde. Dies kann man in manchen Fällen dadurch erklären, dass die ausschlaggebenden Dissense von vornherein problematisch waren oder nur an der sprachlichen Oberfläche bestanden.

Im Seminar wird das Ziel verfolgt, durch Lektüre einschlägiger Texte verschiedene Arten von genuinen und lediglich oberflächlichen Dissensen erkennen und überwinden zu lernen. Damit soll die Praxis des vernünftigen Argumentierens gestützt werden. Ein Beispiel:

Inge äußert: 'Die Rentenerhöhung ist gerecht.', woraufhin Hans entgegnet: 'Die Rentenerhöhung ist nicht gerecht.'. Dabei sei vorausgesetzt, dass Hans und Inge unterschiedliche Auffassungen dazu haben, wie der Ausdruck '.. ist gerecht' korrekt gebraucht werden sollte.

Wird ein so zentraler Ausdruck nicht einheitlich verwendet, dann besteht der Dissens der beiden möglicherweise nur an der sprachlichen Oberfläche. Wenn sie nun eine Kontroverse über die Rentenerhöhung beginnen, dann besteht die Gefahr, dass sie nur ›aneinander vorbei reden‹ und deshalb zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen. Eine Debatte darüber, wie man '.. ist gerecht' verwenden sollte, oder eine Desambiguierung der verschiedenen Verwendungsweisen könnten zielführender sein. Solche Schritte zu ergreifen, liegt nahe, wenn Hans und Inge zuvor erkannt haben, dass die Gefahr besteht, einen lediglich oberflächlichen Dissens als Ausgangspunkt für ihre Diskussion zu nehmen.

Um das Ziel des Seminars zu erreichen, werden verschiedene Arten von genuinen und lediglich oberflächlichen Dissensen aus den gelesenen Texten abstrahiert und Strategien zu deren Bewältigung diskutiert. Die Auseinandersetzung mit allen Arten von Dissensen geschieht unter den Fragen: Woran kann man sie erkennen? Wie kann man sie erklären? Wie kann man sie überwinden?

Zur Vorbereitung sollten Teilnehmer sich besonders die Inhalte der Kapitel 1, 2 und 5 der Denkwerkzeuge wieder ins Gedächtnis rufen, da das dort entwickelte begriffliche Instrumentarium im Seminar zum Einsatz kommt.