Viele Künstler sahen sich nach 1945 mit einer Situation konfrontiert, in der die Mittel sprachlichen und musikalischen Ausdrucks durch den Missbrauch des NS-Regimes diskreditiert waren. So war aus der Sicht der meisten Komponisten die Tonsprache etwa von Wagner, Bruckner, Liszt und Beethoven untrennbar mit der faschistischen Vergangenheit verbunden. Daraus entstand eine grundsätzliche Hemmschwelle, die Geste des großen Ausdrucks, die vom faschistischen System geplant für Massenmobilisierungen missbraucht wurde, neu anzuwenden. Auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und auf das Bedürfnis nach Vergangenheitsbewältigung reagierten die jungen Künstler auf verschiedenste Art und Weise. In der Avantgarde der fünfziger Jahre zeichnete sich zum einen deutlich eine Tendenz zur konstruktivistischen Musik ab, die schnell zur normbildenden Schule wurde, vertreten insbesondere von Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Durch die Mathematisierung der Musik wurde hier individueller Ausdruck und Gefühlsgesten vermieden. Im Gegensatz zur Abkehr von Ausdruck und Intuition versuchten andere Komponisten wie etwa Hans Werner Henze im Zuge der Wiederentdeckung Schönbergs, Hindemiths, Strawinskys und Bartoks nach 1945 eine andere Form der Vergangenheitsbewältigung gerade im Anschluss an musikalische Traditionen der klassischen Moderne zu finden. Diese Künstler wandten sich vermehrt Sprachvertonungen im traditionellen Sinne zu.

Der jeweilige Umgang mit Wortsprache und Musik in Vertonungen einerseits sowie mit dem der Musik eigenen „Sprachcharakter“ andererseits soll in diesem Seminar diskutiert werden. Neben der Frage nach einer möglichen Vergangenheitsbewältigung durch künstlerische Arbeit wollen wir auch unseren eigenen Zugang zu den behandelten Werken aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts und damit das Verständnisproblem der Neuen Musik reflektieren.

Literatur zur Einführung:

Adorno, Theodor W., „Fragment über Musik und Sprache“, in: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann u.a., 20 Bände, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1970-1986, Bd. 16, S. 251-256.

Danuser, Hermann, Die Musik des 20. Jahrhunderts (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 7), Laaber 1984.

Danuser, Hermann, „Neue Musik“, in: MGG2, Sachteil, Band 7, Sp. 75-122.

Häusler, Josef, Spiegel der Neuen Musik: Donaueschingen. Chronik – Tendenzen – Werkbesprechungen, Kassel et. al. 1996.

Massow, Albrecht von, „Atonalität und Sprache“. In: Sprache und Musik. Perspektiven einer Beziehung, hrsg. von Albrecht Riethmüller, Laaber 1999, S. 88-100.

Vogt, Hans, Neue Musik seit 1945, Stuttgart 31982.